Florian Koehler



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adieu tristesse

Neue Figurationen ...1953 - 1968...

17. Februar bis 17. Juni 2018


Profile in der Kunst am Oberrhein
Jürgen Brodwolf: Einblicke - Ausblicke

17. März bis 8. Juli 2018


adieu tristesse

Neue Figurationen ... 1953 - 1968...

17. Februar bis 17. Juni 2018

„Bonjour Tristesse“ taucht Ende der 50er Jahre als geflügeltes Wort im deutschen Sprachgebrauch auf und gilt schnell als die spritzige Zwei-Wort-Formel für das Unmögliche, das Neue, das Unerwartete, das Provokative. Françoise Sagan, eine junge Französin, hatte 1954 unter diesem Titel einen kurzen Roman über einen langen Sommer veröffentlicht. Das Buch war über Nacht zum Welterfolg geworden, wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt und bescherte der Autorin bleibenden Ruhm. Das darin beschriebene Lebensgefühl ebenso wie die bis dahin ungehörte, schnörkellose Sprache räumen mit einem Weltbild auf, das Zukunft nur als unein­lösbares Versprechen bereithält. Die Poesie des Titels war durchaus ambivalent zu lesen, und dass er als Zitat geschickt aus einem Gedicht des Surrealisten Paul Eluard entwendet war, wo er als Gegenrede, als zweite Zeile steht, war schon Programm. „Bonjour Tristesse“ funktioniert natürlich nur, wenn man ein „Adieu Tristesse“ bereits als gegeben voraus­setzt – aus diesem Wechselspiel sollte die Idee einer neuen Welt zu einem neuen Spiel der Möglichkeiten werden. Nichts ist wahr und alles ist erlaubt.

Die Moderne war gestern und selbst der Surrealismus, das heißeste Lebenselixier, das die Künstlerinnen und Künstler der alten Welt vor der „Stunde Null“ zu bieten hatten, war nicht mehr zu gebrauchen. Für die jungen europäischen Künstler, die ab Mitte der 50er Jahre einen Bruch mit ihren als trist und inhaltsleer empfundenen Wirklichkeiten mutwil­lig herbeiführen wollten, war die Abstraktion und vor allem deren Beliebigkeit durch die Stilisierung zur Weltsprache alsbald als leere Formel für angebliche Freiheit enttarnt. Es sollte die Rückgewinnung der Form aus dem Formlosen sein, die einen Ausweg für die Malerei ebenso wie für die Plastik eröffnete und vielleicht sogar einen Weg zurück ins Leben. Die Tristesse, der Mief, der Kohlenkeller, die Parole „Keine Experimente!“ mussten zu knacken sein. Mit dem Titel „Neue Figurationen“ hatte Hans Platschek 1959 ein Buch vorgelegt, in dem er seine Beobachtungen aus seiner eigenen Praxis als Maler auch für andere nutzbar und nachvollziehbar ma­chen wollte. Den Zusatz „neue“ sieht er sehr wohl selbst als Dilemma, jedoch auch als Brücke, um die vermeintliche Sprachlosigkeit im Atelier in Sprache zu fassen. Im Untertitel heißt das schmale Bändchen „Aus der Werkstatt der heuti­gen Malerei“, und er meint genau das. Das Innere nach au­ßen kehren. „Neue Figurationen“ ist kein Stilbegriff, es ist zunächst noch nicht einmal eine künstlerische „Richtung“, die sich dessen sonderlich bewusst wäre. Die Wortkombi­nation bezeichnet keine feste Gruppe, keine Schule, keinen akademischen Diskurs, der festlegt, was geht und was nicht. Es ist eine Beobachtung „außer Atem“ im Rückspiegel, und das Auto fährt noch. Wer am Steuer sitzen wird, ist längst nicht ausgemacht – unter Umständen ist das Lenkrad auf den Rücksitzen montiert. Wols und Dubuffet fahren unerkannt im Kofferraum mit und Arp hat sich unter dem Ersatzrad ver­steckt. Das Programm heißt: Parken verboten.

Platschek beschreibt, wie sich Abzweigungen, Abkürzun­gen, Steilpfade und zunächst nur schwer sichtbare Seiten­wege aus dem Informel und der „art autre“ und dem längst zum Kanon stilisierten Abstract Expressionism finden lassen. Er diskutiert Pollock, Vedova, Saura, Jorn und Michaux. Er diskutiert Internationalität und meint Entgrenzung. Das Ge­meinsame all dieser Positionen ist sichtbar, lesbar und wird umso interessanter, als gerade ihre Offenheit, das ständige Verschieben der Grenzen hin zu einer Wiedererkennbarkeit der Form, dem körperlich Benennbaren neue Chancen er­öffnet. Im Verlauf der Ereignisse wird es die bewussteren, rational arbeitenden Typen wie etwa Antes, Zimmer, Saura und Jorn geben, die vorab Entscheidungen im Hinblick auf ein Bild treffen, um im Moment der Bildentstehung, in der Choreographie des Augenblicks, tatsächlich „frei zu sein“. Und es gibt die Vertreter eines „intra-psychischen Realismus“ – Stöhrer nannte das so – wie Schanz, Prem, Szymanski oder Chaissac. Im Spiel der Neuen Figurationen kann es nicht um Überreste aus der Realität gehen, es gibt das Problem der Verfremdung nicht. Die Figurationen, die „Kunstfiguren“ – wie Horst Antes seine bald als „Kopffüßler“ berühmt gewor­denen, anthropomorph anmutenden Darstellungen nennt – sind aus dem Schaffensprozess entwickelte Verkörperungen und streifen im Weiteren deshalb eine Art symbolistisch les­bares Eigenleben. Da diese Malerei einen „Bildgegenstand“, ein Thema durch ihre Arbeitsweise erst erzeugt – und im Verlauf der 60er Jahre sogar immer deutlicher lesbar werden lässt – statt, wie zuvor, Realität ins Bild zu überführen, entsteht tatsächlich durch das Tun, durch Aktion und Reaktion etwas Neues.

In den Antagonismen von Bonjour und Adieu, Adieu und Bonjour liegt der selbstbewusste Triumph der Fantasie. Im besten Fall interessiert nicht, was das Erscheinungsbild in anderen Zusammenhängen bedeuten könnte, sondern aus­schließlich, was es im Moment des Gestaltwerdens ausmacht. Da die Figuration spontan, aber durchaus aus psychisch be­setzten Formationen entsteht, hat sie den Anschein einer gewissen Einfachheit, Kindlichkeit und von natürlichem Wachstum. Die Künstlerinnen und Künstler spielen bewusst mit diesen Anregungen, die ihr geschärftes Bewusstsein ih­nen aus tausenderlei Quellen und Anregungen zuspielt. Die neuen Figurationen sind natürlich die alten Figurationen – die neuen Maler fressen den barbarisch frivolen Picasso ge­nauso wie Paul Klee, den Träumer der Anderswelt, nutzen Dubuffets Beobachtungen der Art brut und finden sich wie von selbst neben den Menschentieren der Internationale der CoBrA-Künstler. In der Ausstellung Adieu Tristesse – Neue Figurationen … 1953-1968 … werden diese Querverbindungen und Piraterien genauso zu sehen sein wie eine Dichte von Erfindungen und glückliche Feste der Malerei. Bis heute haben diese Bilder und Objekte nichts von ihrer Fas­zination verloren. Unmittelbarkeit, Authentizität und freies Spiel – ein Programm für die Gegenwart.

Die Ausstellung zeigt rund 120 Werke von mehr als 30 Künstlerinnen und Künstlern und wird von Axel Heil kuratiert. Der außerordentlich reichhaltige Bestand der Sammlung Hurrle Durbach wird durch einige Leihgaben aus Privatsammlungen aus Paris, Zürich, Heidelberg und Baden-Baden ergänzt.

Axel Heil

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Profile in der Kunst am Oberrhein

Jürgen Brodwolf: Einblicke - Ausblicke

17. März bis 8. Juli 2018

Seit nahezu sechs Jahrzehnten zeigt die Tubenfigur Jürgen Brodwolfs die Situation des Menschen in einer kaum noch erklärbaren Welt auf. Dass der einstige Maler und Freskorestaurator diese ikonisch gewordene Figur erfunden hat – wie Horst Antes seine unverwechselbaren Kopffüßler oder Keith Haring seine poppigen Strichmännchen – ist allgemein bekannt. Dass die auratische Figur auch ein Stück weit zu ihm kam, wie er selbst konstatierte, der „eigentlich hätte… Maler werden wollen“, bedarf einer Erinnerung. Am Anfang war tatsächlich die Tube, eine handelsübliche, durch den Gebrauch zerquetschte Farbtube, an deren Form Brodwolf die menschliche Gestalt ablas. Er modellierte die Figur nach, übertrug die Walzbleiform auf andere Materialien: Pappe, Gaze, Leinwand, Bronzeguss. So variierte der Künstler jenen existenziell wesenhaften Kunst-Menschen so vielfältig, dass er am Ende kaum noch einer Tube glich und dennoch immer er selbst blieb: rätselhaft in der Erscheinung, melancholisch in der Wirkung, verletzlich in seinem Sein, auf der Suche nach sich selbst.
Fern der Statik von Antes’ Figuration, aber auch fern der Hyperaktivität von Harings Comic-Personal, nimmt Jürgen Brodwolf seinen Protagonisten mit in einem Prozess des ewigen Unterwegsseins. Selbst wo diese in sogenannte Guckkästen eingesperrt, in Tücher gezwungen, aufs Papier gebannt sind: immer sind sie geistig in Aufruhr – in der Regel gekrümmt, bedrückt oder auch in meditativer Balance angespannt.
Jürgen Brodwolf ist auf Du und Du mit seiner Figur, die zwar hundertfach verschieden gestaltet ist, aber stets nur die eine bleibt, die ihn als Alter Ego aufgesucht hat. Der selbsternannte "Figuris" entwirft dabei kein Schreckensbild des Menschen. Im Gegenteil: ob im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit, sogar im Leid der Verfolgung und Verzweiflung oder im Todeskampf, sind die Figuren von einer zeitlosen Würde, inneren Schönheit und haptischen Sinnlichkeit, welche die letzten Dinge nicht aussparen, sondern sie vielmehr mit dem Leben versöhnen. Brodwolfs Figuration ist unnahbar und nah zugleich, weil sie jenseits der Spiegelung unseres eigenen Seins zu sein scheint. Einmal erkennen wir sie im mythisch-sakralen Kontext, so dass wir nicht anders als ergriffen vor ihr stehen; ein andermal mutet sie uns in einer profanen Alltäglichkeit an, als sähen wir in uns selbst hinein. Der Künstler wuchs nach eigener Aussage ohne Spielgefährten auf. So suchte er sich als Kind Gegenstände als Kameraden: „Das ist einfach meine Welt.“ Die zweckentfremdete Tube sieht er konsequent als Fortsetzung des kindlichen Sozialtriebs im Erwachsenenalter an. Durch die ständige Vertiefung in sein Lebensthema, die geformte und deformierte Figur, wurde diese zum Idol, gleichsam mehrdeutig und entrückt.
In logischer Folge treten die Speicher- und Archivarbeiten auf, in denen die erhöhte Menschengestalt wie zur Verewigung ansteht: „Die Tubenfigur wird mich hoffentlich überleben. Mit ihr fing alles an, mit ihr fand ich meinen Weg.“

Günter Baumann

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