Florian Koehler



Aktuelle Ausstellungen


Das Lied der Dinge

Stillleben im Wandel der Kunst

30. Juni bis 4. November 2018


Profile in der Kunst am Oberrhein

Guido Kucznierz | Voré

19. Juli bis 25. Novmeber 2018


Das Lied der Dinge

Stillleben im Wandel der Kunst


30. Juni bis 4. November 2018

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Die heutige Gesellschaft hat sich von diesen altbekannten Versen des Romantikers Joseph von Eichendorff offenbar so weit entfernt, wie man es sich nur denken kann – nichts scheint mehr zu singen, zumindest ist es nicht mehr hörbar, denn die Welt versinkt im Lärm von Verkehr, Technik und Unterhaltungsindustrie.
Doch wie ist es dann zu verstehen, dass bis heute Früchte, Krüge, Interieurs und Blumen als künstlerisches Motiv zu finden sind? Wie kann es sein, dass noch immer von jungen Künstlern Stillleben, Bilder „unbewegter Dinge”, französisch „natures mortes”, geschaffen werden, wie sie bereits im 16. Jahrhundert die Räume reicher Kaufleute und Adliger in Europa schmückten?
Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Dinge immer wieder neu erscheinen, dass jeder Mensch für sich genommen sie immer wieder individuell und neu erlebt – eine Individualität, die sich gerade in der Kunst spiegelt. Und natürlich mit der Tatsache, dass es nicht nur die Wahrnehmung, die persönliche Empfindung des Einzelnen ist, die den Gegenstand verändert, sondern auch der Lichteinfall, die Atmosphäre, die Tageszeit, die Kürze des Augenblicks.
Aus dieser Faszination heraus erklärt sich nicht nur der gesamte Impressionismus, sondern auch Cézannes unermüdlicher, immer wieder Bild werdender Blick auf den Mont St. Victoire ebenso wie Peter Drehers Serien von Trinkgläsern. Kaum ein anderes Genre jenseits der Porträtkunst geht dem menschlichen Dasein stärker auf den Grund als das Stillleben, denn in den Gegenständen, die ihn umgeben, in ihrer Vergänglichkeit, Schönheit, manchmal auch Lächerlichkeit und Armseligkeit spiegelt sich der Mensch.
Sicherlich hat sich der Symbolgehalt der Stilllebengewandelt – heute sind Darstellungen von Fleisch nicht mehr als Hinweis auf die Versuchung des Fleisches im christlichen Sinne zu verstehen, wie das in der frühen Neuzeit der Fall war. Andererseits ist der Reiz des Morbiden noch immer gegeben, wie beispielsweise die 2013 entstandene Arbeit „Funk to funky” von Marianne Gartner erkennen lässt – das Skelett als Vanitas-Motiv par excellence, der Nachtfalter steht für Metamorphose, aber auch Vergänglichkeit mit einem Hinweis auf das Selbstzerstörerisch-Unheimliche dieser nächtlichen Kreaturen. Geblieben ist auch die Vergänglichkeitssymbolik der Blumendarstellungen – die Faszination ihrer zarten Schönheit, der unweigerlich Welken und Fäulnis folgen. Den Symbolgehalt, den Stillleben auch heute durchaus noch an den Tag legen, zeigt das Objekt von Bertozzi e Casoni sehr augenfällig: Hier blühen Narzissen aus einer verseuchten Erde heraus, die mit Abfall gespickt ist.
Schon Erhart Kästner konstatierte 1973 den „Generalstreik der Dinge”, die maßlos ausgeforscht und ausgebeutet werden, und stellte fest, dass „die Kunst, die man modern nennt” ihre Not erkannt hat. Ihm zufolge hat unter anderem der Dadaismus ebenso wie Duchamp mit seinen Readymades versucht, den Dingen in ihrer bedrohten, ausgehöhlten Existenz ihre Würde zurückzugeben und sie wieder in ihr Recht zu setzen. Ein Ringen, das bis heute fortdauert, wie die Ausstellung mit über 100 Arbeiten verschiedenster Stilrichtungen und Künstler zeigt: Mit einem kleinen Blick zurück auf die Stillleben der frühen Neuzeit, richtet sich das Augenmerk auf die Kunst des 20. Jahrhunderts bis heute. Die Neue Sachlichkeit und der Kubismus mit Georges Braque sind ebenso vertreten wie Emil Cimiotti und Jean Fautrier, die man sonst als Künstler des Informels kennt. CoBrA-Künstler wie Carl Henning Pedersen haben das Sujet aufgegriffen, wie auch später Markus Lüpertz, Dieter Krieg, Johannes Grützke und Peter Dreher, nicht zu vergessen die (Neue) Leipziger Schule. Dabei ist die Vielzahl der Themen derjenigen der Stilformen durchaus ebenbürtig: Blumen, Früchte, Totenschädel, Gefäße, vertraute und überraschende Zusammenstellungen machen die Ausstellung zu einem spannenden Parcours durch das weite Feld der Stillleben.

Katrin Hesse

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Profile in der Kunst am Oberrhein

Guido Kucznierz | Voré

19. Juli bis 25. November 2018

Ganz gleich, in welchem Medium Guido Kucznierz sich bewegt, ob Plastik, Federzeichnungen, Lackarbeiten, auf Papier oder auf Glas: Seine Figurationen oszillieren zwischen Pflanze, Tier, Mensch und unbelebter Natur. Manchmal scheinen sie aus Fels gehauene Torsi, hoch aufragende Zelte, dann wieder erinnern die zarten Zeichnungen an Gewebtes, an Mikroorganismen mit Tentakeln oder Wimpern, filigran und von schwebender Leichtigkeit – eine trügerische Leichtigkeit, denn irgendetwas wirkt ihrem Aufstieg und freien Flug entgegen – vielleicht ist es die Erdanziehung, die auch im leichtesten Konstrukt spürbar, fesselnd und zugleich doch lebensnotwendig ist. Die Gebilde sind phantasievoll, wirken oft fragmentarisch und wecken eine Fülle von Assoziationen, ohne Zugang zu gewähren – Chiffren und Symbole einer rätselhaften Welt. Manchmal baut Kucznierz Traumstädte, vage an Korallenriffe und ihre vielfältigen Formen erinnernd   - kleinteilig Stück für Stück aus Gipsbinden mit Fundstücken filigran gewachsen zu monumentaler Größe- gebaut und doch zugleich schon zusammengesunken, verwirrendes Nebeneinander. In der Zwischenwelt von Abstraktion und Figur ist Kucznierz zu Hause, geprägt nicht zuletzt von seinem für die Neue Figuration im Bereich der Plastik maßgeblichen Lehrer Wilhelm Loth. Die Rätselhaftigkeit und Traumhaftigkeit des Daseins, das ewige Spiel von Werden und Vergehen, die Unfassbarkeit der Welt wird Figur und entzieht sich zugleich den Blicken des Betrachters.

Die Skulpturen und Installationen des in Ettlingen ansässigen und ebenfalls vom Werk Wilhelm Loths beeinflussten Bildhauers Voré vermitteln den Eindruck gestürzter Giganten. Ob es Teile von Palästen und Tempeln, Skulpturen oder versteinerten Baumriesen waren, die der Zerstörung zum Opfer gefallen sind, ist nicht zu sagen, denn die Grenzen verschwimmen und die Trümmerhaftigkeit ist nur eine scheinbare. Tatsächlich ist jedes der vermeintlichen Fragmente, jeder Schutthaufen genau an dem Platz, der ihm gebührt, ist nur scheinbar aus einer Ordnung gefallen. Zugleich ist es das Spiel der Oberflächenstruktur des von ihm bevorzugten Baumberger Sandsteins, das den Skulpturen Vorés Spannung verleiht: Grob bearbeitete Bereiche wie von Findlingen, die Menschen vergangener Zeiten für den Bau vorbereitet und dann verlassen haben, wechseln ab mit Bruchstellen und glatt polierter Oberfläche mit mattem, seidigem Glanz, ganz anders und lebendiger als das harte Schimmern von poliertem Marmor oder Granit. Dieses Spiel mit der Textur findet sich auch in den Zeichnungen und Collagen Vorés, deren Träger bis zur Jahrtausendwende ein profanes Einwickelpapier und seitdem ein raues Zeichenpapier ist, immer wieder collagiert mit grobem Büttenpapier  und glatten braunen Packpapierstreifen. Auch sie erzählen Geschichten von Sturz und Verfall, lassen nicht erkennen, ob sie Teile von Gliedmaßen oder Wurzeln, Wellen oder Erdreich sind – die Grenzen sind fließend, die Vergänglichkeit allgegenwärtig.

In diesem Fließen, dem Oszillieren der Figur, die sich immer wieder der genauen Begrifflichkeit entzieht, zeigt sich eine gewisse Verwandtschaft des Werkes der beiden Karlsruher Künstler: Die Zerbrechlichkeit und Filigranität der Kunst von Kucznierz zeugt ebenso von der Endlichkeit und Unfassbarkeit des Daseins wie die monumentalen Trümmerlandschaften Vorés.

Katrin Hesse

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