Florian Koehler



Aktuelle Ausstellungen


HERBERT ZANGS

Vom Sinn des Chaos. Retrospektive

6. Mai bis 3. September 2017


Profile in der Kunst am Oberrhein
Ben Hübsch | Martin Kasper

20. Juli bis 1. November 2017


Herbert Zangs

Vom Sinn des Chaos. Retrospektive

6. Mai bis 3. September 2017

„Ich möchte als Künstler Erfinder sein, im besten Sinne von Entdecken, Anderssehen, Ausgraben.“ (H. Zangs)

 Kaum ein Künstler hat Leben und Kunst so kompromisslos miteinander verbunden wie Herbert Zangs – ohne Rücksicht auf Karriere, Gesellschaft, Kunstströmungen. Diesem Desinteresse am Kunstbetrieb ist es zuzuschreiben, dass er erst spät als Pionier anerkannt wurde und die Kunstgeschichte sich bis heute damit schwertut, seinem Werk den angemessenen Platz einzuräumen. Die Vielfalt seines Schaffens und seine wegweisende Bedeutung zu präsentieren, ist Ziel dieser Retrospektive, die mit mehr als 80 Exponaten einen umfassenden Einblick gewährt.
Schon 1952 experimentiert Zangs mit den „Verweißungen“: Er montierte „objets trouvés“, also ausgemusterte, überflüssige, verfallende Gegenstände auf die Leinwand und überzog sie mit einer dünnen Weißschicht, die sie optisch mit dem Hintergrund verbindet, ohne sie vollständig zu verdecken. Es ist die schneebedeckte Landschaft Finnlands, wo er als Soldat der Luftwaffe stationiert war, die ihn inspiriert: die Schneeschicht, welche die Formen der Landschaft abstrahiert.
Weiß steht – ebenso wie die zerstörten, ausgemusterten Gegenstände - für die Stunde Null, für den totalen Umsturz und für eine Grenzerfahrung, die weit über die einfache Schönheit der Landschaft oder die Wahrnehmung des Dinglichen hinausreicht.

 Das Informel, das in Deutschland unter anderem mit der Gruppe Quadriga ab 1952 an Bedeutung gewinnt, löst die Form zunächst nur malerisch auf und trägt einem gestischen, emotionalen Kunstschaffen Rechnung. Zangs hingegen durchdringt seine Bildoberfläche mit realer Bewegung, öffnet die Bildfläche selbst in den Raum hinein. Immer wieder erweitert er sein Repertoire, seine Kunst ist ständig in Bewegung, wie er selbst: Er schafft die Rechenzeichen-Collagen, die „Faltungen“ und die „Knüpfungen“, wo er kleine Objekte wie Korken in einen Baumwollstoff einknüpft. Außerdem erfindet er die Gussreliefs, wo er industrielle Grundiermasse durch Pressluft in Form bringt, und durchlebt schließlich Mitte der 50er Jahre eine schwarze Phase. 1957 erfindet er die „Scheibenwischerbilder“, in denen er alte Autoscheibenwischer in Farbe taucht und auf den Bildträger aufsetzt – das serielle Element, das sich bereits in den Verweißungen findet, gewinnt nun an Bedeutung. Allerdings sind die Serien bei Zangs keineswegs von steriler Gleichmäßigkeit, sondern voller Störfaktoren wie Risse und Fehlstellen.
Nach einer Schaffenskrise in den 60er Jahren entwickelte er die Anti-Bücher - verstümmelte oder reduzierte Buchformen, mit denen er auf der Documenta 6 in Kassel 1976 präsent war: Symbole der geistigen Leere zwischen den Seiten.
In die serielle Richtung gehen wiederum die „Pinselabwicklungen“ ab 1979, in denen mit Farbe bestrichene Pinsel über das Papier abgerollt werden, und die „Blasenbilder“ Anfang der 1980er Jahre. Hier taucht er Gläser in mit Graphit versetzte Seifenlauge und setzt sie den Bildträger auf, so dass Blasen entstehen, die beim Zerplatzen zufällige Bildeffekte produzieren. 

Von Anfang an geht es Zangs um die Dynamik und Entgrenzung der Bildoberfläche, um Spannung und Verfremdung, wobei er seine Verweißungen zunächst nicht veröffentlicht – sie sind zu avantgardistisch. Und es ist Zangs einfach nicht wichtig, in der Kunstwelt Furore zu machen: So verschwindet er spurlos bei wichtigen Aufträgen oder lässt seine Werke oft irgendwo zurück, ohne sich weiter darum zu kümmern. Seine Kunst entsteht nicht im Atelier, sondern auf Reisen, wo er unter anderem Wols kennenlernt, mit dem er eine Zeitlang wie ein Clochard in Paris unter den Brücken lebt.
Da er nicht bereit ist, seine Freiheit aufzugeben, verweigert er sich jeglicher Gruppenzugehörigkeit und bewegt sich auch permanent zwischen seinen eigenen Bildfindungen hin und her: Es gibt keine klare Chronologie in seinem Werk.  Erst 1972 findet der Künstlerfreund Adolf Luther im Keller einer Schule in Krefeld per Zufall eine große Anzahl früher Werke von Zangs, der daraufhin selbst wieder auf seine frühen Ideen zurückgreift.

Herbert Zangs‘ Leben wie auch seine Kunst sind impulsiv, sich ständig verwandelnd, überkreuzend und Fundstücke anverwandelnd – Kunst war für ihn Metamorphose, Erfindung und Entdeckung, niemals Stillstand. So konnte er früh (und zunächst unerkannt) die avantgardistische Kunst von  Manzoni, Mack und den „Nouveaux Réalistes“ vorwegnehmen. Auch heute noch ist seine Kunst wegweisend.

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Profile in der Kunst am Oberrhein

Ben Hübsch | Marti Kapser

20. Juli bis 1. November 2017

Ben Hübsch schreckt vor nichts zurück. Furchtlos kombiniert der Maler Pink mit Rot, Violett mit Orange, verwendet Leuchtfarben, Silber und Gold, Rosa- und Grüntöne. Aber auch Primärfarben oder edle Grautöne finden sich in seinen Bildern wieder. Die anarchisch anmutenden Farbkombinationen bringen die Bilder, die statisch und seriell angelegt sind, in Bewegung. Hierdurch ergeben sich je nach Blickwinkel neue Hierarchien: Die Frage nach Figur und Grund stellt sich immer neu. In den früheren Arbeiten ist jedem Band eine bestimmte Farbe zugeordnet, ebenso wie jedem der zwischen den Bändern entstehenden Formen oder Kreissegmente. So ist jede Form durch ihre Farbgebung scharf von der anderen abgegrenzt, wobei kein Farbton sich im Bild wiederholt.
Seit der Jahrtausendwende kommt Bewegung in die Bänder, sie können Wellen schlagen und sich krümmen. Anstelle der Farbflächen treten Farbverläufe, die teilweise durch lasierende Farben überdeckt werden. So werden die Bilder energiereicher, unruhiger und der optische Effekt verstärkt sich, so dass einzelne Formen für das Auge des Betrachters bald zurückzuweichen, dann aber wieder in den Vordergrund zu treten scheinen.
Hintergrund von Hübschs Arbeit ist eine grundlegende Hinterfragung des Begriffs der Abstraktion. Schon früh setzte er ihn in den Zusammenhang mit dem Ornament. Die weitere Auseinandersetzung mit der Konkreten Kunst führte ihn unter vielen anderen auch zu Esoterikern und ihren Darstellungen von übersinnlichen Dingen. Aus immer neuen Blickwinkeln stellt der Künstler die Abstraktion als große Erfindung des letzten Jahrhunderts in Frage. Hierbei sind seine Bilder durch ihre prägnante Farbigkeit kraftvolle Erscheinungen, die aus der Distanz ein gewisses Augenzwinkern nicht verhehlen.

Martin Kasper entwirft Räume. Diese menschenleeren Räume – meist Innenräume wie Museumsgalerien, leere Affenhäuser, Flure, Kinos, Treppenhäuser, aber auch Außenarchitekturen – muten manches Mal nahezu geometrisch-abstrakt an, zerfallen in konstruktive Bestandteile. Obgleich verlassen, sind diese Räume voller Präsenz: Reste menschlicher Anwesenheit wie Bänke, Stapel von Stühlen und anderes verstreutes Mobiliar zeugen von denen, die gegangen sind und vielleicht wiederkommen werden. Und natürlich ist der Betrachter selbst im Bild präsent, wird von ihm vereinnahmt und macht sich unwillkürlich seine Gedanken: Was ist geschehen, dass die Räume verwaist sind? Woher kommt das diffuse Licht, durch das der Raum in Szene gesetzt wird, was erzeugt die beunruhigende, spannungsgeladene Atmosphäre, da die Darstellung doch ruhig ist und wie aus der Zeit gefallen wirkt? Kurz, die Raumdarstellungen Kaspers werfen Fragen auf, die sie nicht beantworten, und so ist es letztlich auch mit seinen Porträts: Das Rätselhafte und bei aller Frontalität doch Unzugängliche zeigt sich besonders deutlich in der Serie von Porträtierten mit geschlossenen Augen, aber auch die mit geöffneten Augen Dargestellten lassen den Betrachter außen vor. Nicht, dass ihr Ausdruck abweisend wäre – ihre ruhige Mimik und die starre Haltung ohne Bodenhaftung scheinen vielmehr zu signalisieren, dass dies die Grenze zu einer eigenen Welt ist. Der Betrachter darf sie anschauen, aber er blickt nicht dahinter.

Die auf den ersten Blick so gegensätzlich anmutenden künstlerischen Ansätze der beiden befreundeten Freiburger Maler lassen sich tatsächlich zusammenführen, wie Ben Hübsch und Martin Kasper in zahlreichen Gemeinschaftsarbeiten unter Beweis stellen. Entweder hinterlegt Hübsch die Porträts Kaspers mit seinen geometrischen Farbklängen, oder er füllt ihre Silhouette aus, während Kasper den sie umgebenden Raum malt. Oder aber das Porträt tritt ausschnittsweise an die Stelle der Farbverläufe, die in Hübschs Arbeiten die Formen füllen. Und verblüfft steht man vor den Bildern, vor Hübschs wagemutigen Farborgien, vor Kaspers atmosphärisch-gedämpften Räumen und stellt fest, dass es funktioniert: „Happy together“ (so der Titel einer Gemeinschaftsarbeit).


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