Florian Koehler



Aktuelle Ausstellungen


PANORAMA

Imagination und Sprache. Schlüsselwerke der Sammlung Hurrle

15.Oktober 2016 - 23. April 2017


Profile in der Kunst am Oberrhein
Karlheinz Bux | Reiner Nepita

23. März bis 9. Juli 2017


PANORAMA

Imagination und Sprache. Schlüsselwerke der Sammlung Hurrle

15. Oktober 2016 - 23. April 2017

Schlüssel zu den Toren der Wahrnehmung

La langue et l’imagination (Imagination und Sprache) ist ein Bild des dänischen Künstlers Asger Jorn aus dem Jahr 1960. Es ist nicht nur ein Schlüsselbild in der Sammlung Hurrle, sondern gibt auch zugleich das Programm der Ausstellung Panorama vor. Die (künstlerische) Sprache und die (visionäre) Vorstellung sind die Grundkonstanten eines Werks – auf sie will die Ausstellung die Aufmerksamkeit lenken.

Ein Schlüsselbild ist der Definition nach ein besonderes Bild, ein Bild, mit dessen Hilfe sich ein größerer Zusammenhang erschließt oder das an einer Schnittstelle steht, einen Umbruch oder eine Neuorientierung aufzeigt. Schlüsselbilder kann es in der Werkentwicklung eines einzelnen Künstlers oder einer Künstlerin oder einer Künstlergruppe, aber auch für eine bestimmte Zeit, einen Ort oder eine Region geben. Gemeinsam ist diesen ganz unterschiedlichen Möglichkeiten, dass das als Schlüsselbild qualifizierte Kunstwerk Charakteristika vorangehender Arbeiten mit neuen Merkmalen verbindet, die sich im Weiteren als bedeutsam für zukünftige Entwicklung der Kunst erweisen werden.

Schlüsselbilder stehen damit nicht nur immer zwischen Gestern und Morgen, sondern gewinnen ihre besondere Stellung auch stets erst im Rückblick also in der Rezeption. An die Seite der Wahrnehmung durch die Betrachter tritt hier – und in diesem Fall von noch größerer Bedeutung – die künstlerische Auseinandersetzung. Im weitesten Sinne könnte man sagen, dass sich in Schlüsselbildern ein Zeitgeist manifestiert. Schlüsselbilder sind die Herzstücke einer Sammlung. Sie verraten nicht nur viel über die Struktur und den Aufbau einer Sammlung, sondern geben wie ein Kompass zugleich die Richtung für zukünftige Neuerwerbungen vor. Indem sie über sich selbst hinausweisen, bieten sie sich als ideale Ausgangspunkte für eine Sichtung des Bestands an, bei der das Einzelwerk in einen größeren Kontext gestellt und ein Panorama eröffnet wird.

In der Sammlung Hurrle gibt es einige Schlüsselbilder. Zehn davon haben wir für Sie ausgesucht. Jedes stellen wir Ihnen in einem eigenen Panorama vor, das visuelle, kunsthistorische und künstlerische Verbindungen zu anderen Werken der Sammlung sichtbar vor Augen führt und so erklärt, wie ein Bild, ein Schlüssel zu den Pforten unserer Wahrnehmung sein kann.

Im Zentrum des ersten Panoramas steht das Große Paar von Horst Antes. 1963 in Rom während eines Aufenthalts in der Villa Massimo gemalt und 1966 im deutschen Pavillon auf der XXXIII Biennale in Venedig ausgestellt, ist es in mehrfacher Hinsicht ein Schlüsselbild. Der Maler, 27 Jahre alt, hat erst vier Jahre zuvor sein Studium bei HAP Grieshaber an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe abgeschlossen und kann bereits auf zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien zurückblicken. Sein Werk findet breite Anerkennung, weil er in der Entwicklung der Figur aus der Malerei einen ganz eigenen Weg beschreitet. Weder Abbild noch abstrahierte Form, gewinnen seine zunächst offen figuralen Formen als „körperliche Versinnlichungen“ der Malerei ab 1962 zunehmend an Festigkeit, werden zu Wesenhaftem verdichtet und durch klar gesetzte Umrisslinien vom Umraum abgehoben. 1963 tritt dann die ins Profil gesetzte Kunstfigur, der „Kopffüßler“, erstmals auf, die in den folgenden Jahren das Werk von Antes bestimmen wird. Das Große Paar, ein Mehrfigurenbild in einem imaginierten Raum, entsteht genau in diesem Moment des Übergangs. Es kann als Panorama ganz eigener Art betrachtet werden, steht doch die weibliche Figur in einem eigenen Bereich, abgetrennt durch eine Tür, während sich ihr die männliche, begleitet von symbolisch aufgeladenen kleineren Figuren, in einem durch klar abgegrenzte Farbfelder definierten offenen Raum nähert.     

In der Gegenüberstellung mit Willi Baumeisters Frau mit Tuch (1928) und Alfred Lehmanns Figuren in Waldlandschaft (um 1955), zwei ganz unterschiedlichen Beispielen für die Befreiung der Figur vom realistischen Abbild, wird die Unvergleichbarkeit zwischen abstrahierter Figur und Kunstfigur umso deutlicher. Die „neue Figuration“, von einer jungen Generation ab Ende der Fünfzigerjahre und in Abgrenzung von der „Weltsprache Abstraktion“ entwickelt, verändert den Blick auf die Wirklichkeit nicht durch deren Umsetzung ins Bild, sondern schafft eine neue Bildwirklichkeit, die eigenen Gesetzen folgt und in der Figur und Raum sich gegenseitig bedingen und bestimmen. So reduziert etwa Reinhold Heller in seinem Autobild (1965/1967) die Figur auf das Profil eines Kopfes, der nur als blaue Farbfläche erscheint und zunächst gar nicht ins Auge fällt, da die Aufmerksamkeit von den ebenfalls nur als Formen dargestellten Autoteilen und durch die intensive Farbigkeit abgelenkt wird. Gerade darin lässt sich aber wiederum ein Hinweis auf die Entstehungszeit, die Sechzigerjahre, erkennen, in denen das Auto als technische Errungenschaft und Konsumgut zur Referenz des Menschen in Mitteleuropa wird.

Schon dieser kleine Einblick in eines der Panoramen macht ein Charakteristikum der Ausstellung deutlich: Die Grundlage für die Zusammenstellung jeder der Gruppen war es, Werke zu kombinieren, die unter einem bestimmten Aspekt vergleichbar sind oder sogar Ähnlichkeiten aufweisen. Aber das damit verfolgte Ziel liegt geradezu im Umkehrschluss darin, die Differenzen schärfer herauszuarbeiten. Entscheidend sind die Brüche. Erst in der Zusammenschau und direkten Konfrontation mit den Bildern wird sehend nachvollziehbar, worin die Unterschiede tatsächlich liegen und welche Entscheidungen – vorab oder im Schaffensprozess getroffen – letztlich das Resultat bestimmen. Vorgeschlagen wird also eine Betrachtungsweise, die das Kunstwerk selbst in den Mittelpunkt rückt. Kunsthistorische Stilbegriffe oder Kategorien sollen den Blick nicht einschränken, sondern werden vielmehr zur Diskussion gestellt und können gerade dadurch mit Leben erfüllt werden.


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Profile in der Kunst am Oberrhein

Karlheinz Bux | Rainer Nepita

23. März bis 9. Juli 2017

Mit dem Karlsruher Künstler Karlheinz Bux und dem Oberkircher Maler Rainer Nepita sind in der neuen Ausstellung der Reihe „Profile in der Kunst am Oberrhein“ zwei Künstler vertreten, welche nicht nur ein sehr eigenwilliges künstlerisches Profil aufzuweisen haben, sondern auch im öffentlichen Raum der Region sehr präsent sind.

Karlheinz Bux als Bildhauer zu bezeichnen, ist sicher nicht falsch, wird seinem Werk jedoch längst nicht gerecht: Neben Skulpturen finden sich bei dem Karlsruher Künstler Rauminstal­lationen, Zeichnungen auf Glas und fotobasierte Folienarbeiten. So verschieden diese künstlerischen Techniken sind, so sind ih­nen doch die Eigenschaften eines Vexierbildes gemeinsam: Auf den ersten Blick erschließt sich nahezu keine der Arbeiten, im­mer ist da etwas Irritierendes, das den Betrachter dazu zwingt, genauer hinzusehen.
Bux’ Skulpturen wirken zunächst in sich geschlossen. Ihr Erschei­nungsbild ist alles andere als stromlinienförmig industriell, denn zum einen verwendet der Künstler häufig Materialien wie Stahl, farbig gefasstes Holz und getöntes Plexiglas, die bereits von sich aus einen lebendigen Eindruck vermitteln. Zum anderen ist die Form in Bewegung, und was als regelmäßige Struktur erscheint, ist tatsächlich mit Unregelmäßigkeiten durchsetzt. Aus Durch­brechungen und Kerbungen entsteht ein spannungsreiches Spiel aus Licht und Schatten. So greifen die verschiedenen Be­wegungen und Formelemente ineinander, verschränken sich zu einer harmonischen und zugleich dynamischen Komposition.
In den letzten Jahren lotet Bux die Möglichkeiten fotobasierter Kunst aus: Er kombiniert mehrere Aufnahmen von z.B. Baustel­len, Landschaftsszenen oder Produktionsstätten, legt sie überei­nander, spiegelt, verwischt sie und schafft so veränderte An- und Einsichten. Dann wird die Arbeit auf Film bzw. Folie gedruckt und die Oberfläche gezielt mit Aceton behandelt, so dass eine neue Bildwirklichkeit entsteht. Carmela Thiele bemerkt zu dieser Werkgruppe: „Durch die fluide Gestalt seiner Folienbilder erge­ben sich unendlich viele Haupt- und Nebengesellschaften, was ja auch Zweck der aufwendigen Bearbeitung der Fotografie sein dürfte, die am Ende eine neue, den Bedingungen der Kunst ent­sprungene Realität im Auge des Betrachters erzeugen soll, bei der das Alltägliche allenfalls als Echo mitschwingt.“ (zitiert aus dem Katalogtext: Ins Ungewisse, Bemerkungen zur Ausstellung „Tiefe Gründe“, Galerie Rottloff, Karlsruhe 2016).

Bei Rainer Nepita sind es Blätter und Blüten, die über den Bild­grund zu schweben scheinen, man vermeint vegetabile Formen zu erkennen – und doch ist alles Linie. In seinen Bildern zeigt sich, wie wandelbar eine einfache Form daherkommen, wie fas­zinierend eine Linie sein kann - insbesondere in Kombination mit lebendiger Farbigkeit. Hier liegt das Experiment zugrunde, wie sich die Linie verhält, wenn man sie unterschiedlich farbig fasst, sie auf dunklem oder hellem Grund hervortreten lässt oder auch auf einer ähnlich gefärbten Fläche einbindet. So offenbart sich der Raum mit einer Tiefe, die bei längerer Betrachtung eine unerwartete Sogwirkung entfaltet. Die vegetabilen Formen Nepitas entwickeln eine stille, meditative Dynamik, die sich aus der Naturbetrachtung einerseits, aus der Begegnung mit der nepalesischen Kultur andererseits speist: Seit 40 Jahren entstehen Zeichnungen, die als Vorlage für die linearen Arbeiten dienen – allerdings werden sie nie kopiert, sondern aus ver­schiedenen Skizzen zusammengesetzt. In Nepal wiederum lässt Nepita nach seinen Entwürfen seit nunmehr 24 Jahren Teppiche knüpfen, was Anlass zu häufigen Reisen in den Himalaya ist. Die Begegnung mit dem dortigen Licht und dem Buddhismus ha­ben Nepita ebenso geprägt wie das heimische Naturerfahrung: „Alle Dinge sind miteinander verbunden und bedingen einan­der“, ist Leitspruch seines künstlerischen Schaffens.
Seinen Arbeiten liegt die Graphitzeichnung auf grundierter Leinwand oder Papier zugrunde. Weitere Linien folgen in Acryl- oder Ölmalerei, über die mehrere farbige Farblasuren gelegt werden. Das Ergebnis ist ein Spiel vegetabiler Linien, die bald deutlich hervortreten, bald schemenhaft im Hintergrund bleiben.
Willi Baumeister sagte, das Kunstwerk bilde einen Kosmos, der sich parallel zur Natur behauptet. Dieser Anspruch ist unüber­sehbar wegweisend für die Kunstauffassung Nepitas, der immer darauf bedacht ist, seine Naturbetrachtung zu transzendieren.


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